Das Evangelium der Gnade in Jesus Christus Thoufic Khouri

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Als Sohn römisch-katholischer Eltern wurde ich im Libanon geboren und in das Register ihrer Kirche eingetragen. Im Januar 1923 wurde ich, entsprechend der Tradition der syrisch-katholischen Kirche, durch dreifaches Untertauchen getauft. Durch diesen Akt wurde ich ein ‚Christ‘ und ein Mitglied dieser Kirche. Als ich drei Jahre alt war, starb meine Mutter, worauf ich in ein Internat bei Jerusalem gebracht wurde. Dort blieb ich bis zum 13. Lebensjahr. Schon in jungen Jahren liebte ich den Altar in der Kirche, die Priester und alles, was mit dem Priesterdienst zu tun hatte. Das Internat wurde von den ‚Barmherzigen Schwestern‘ geleitet. Eine der Nonnen – sie hiess Schwester Germaine – bemerkte meine Frömmigkeit und mein Interesse an der Liturgie und bestand darauf, dass ich Priester werden sollte. (Später habe ich dieser Nonne zweimal geschrieben und ihr den Weg der Errettung erklärt. Auf den zweiten Brief gab sie keine Antwort mehr.)

Meine Zweifel im Priesterseminar

Als ich dreizehn Jahre alt war, musste ich mich entscheiden, ob ich an einer höheren Schule ein Studium beginnen oder mich an einem Seminar für die Priesterausbildung immatrikulieren wollte. Ich wählte ein Seminar der syrisch-katholischen Glaubensrichtung. Die Schüler dafür wurden sorgfältig ausgesiebt und viele wurden wieder fort- geschickt, so dass nur wenige übrigblieben. Natürlich waren auch diese keine perfekten Menschen.

Ich fühlte mich des Priesteramtes nicht würdig und bat meinen Prior oft, die Schule verlassen zu dürfen. Seine Antwort war immer die gleiche: „Gott hat dich gerufen und wenn dem nicht so sein sollte, dann darfst du, wenn uns dies klar wird, gehen.“ So ging es eine ganze Wei- le. Das letzte Mal, dass ich mit diesem Anliegen zu meinem Prior ging, war direkt vor meiner Weihe zum Subdiakon. Ich spürte, welche Schwierigkeiten der Priesterdienst mit sich bringen würde, ganz speziell das Zölibat. Nach der bevorstehen- den Weihe würde diese Verpflichtung automatisch für den Rest meines Lebens gelten.

Ich wurde zum Subdiakon und dann zum Diakon geweiht. Weil das Gefühl, nicht würdig zu sein, um den Dienst am Altar zu tun, in mir immer stärker wurde, bat ich meine Vorgesetzten, lebenslänglich Diakon bleiben zu dürfen. Aber sie hörten nicht auf meine Bitten und zwangen mich schliesslich, die Priesterweihe zu empfangen. Daraufhin nahm ich den Na- men Vinzenz an, gemäss meinem Schutz- patron, dem Heiligen Vinzenz von Paul.

Ein kleines Stück Papier auf meinem Herzen

Auch nach meiner Ordination dauerten meine Zweifel an. Meine Vor- gesetzten bezeichneten diese als eine ‚engelhafte Tugend‘. Ich hatte auch Schwierigkeiten auf intellektueller Ebene, welche ich schon früher beim Studium der Philosophie und besonders bei der Theologie gehabt hatte. Gewisse Dinge konnte ich nur mit grossen Schwierigkeiten akzeptieren. Ich wollte alle Dogmen verstehen, fragte mich aber, wie sie entstanden waren und warum sie so wichtig seien. Ich hielt es nicht aus, über diese Fragen im Unklaren zu sein. Einmal gab mir mein Superior den Rat, meinen Schutzpatron, den Heiligen Vinzenz von Paul, nachzuahmen. Dieser hatte das Glaubensbekenntnis auf ein Stück Papier geschrieben und dieses zusammengerollt. Wenn er von Zweifeln angegriffen wurde, küsste er das Papier, drückte es an sein Herz und sagte: „Herr, ich verstehe es nicht, aber ich glaube dennoch.“ Ich befolgte den Rat und erlebte eine kurze Zeit des Friedens. Aber er reichte nicht aus, um meinen Glauben völlig zu stabilisieren.

Diplomatie als Mittel gegen die Diktatur

Kurz gesagt, ich hatte disziplinarische, intellektuelle und ethische Schwierigkeiten. Als erstes sträubte ich mich dagegen, meinen Willen völlig meinen Vorgesetzten zu unterwerfen. Der Bischof konnte mit uns machen, was er wollte. Viele suchten sich deshalb andere Wege, um doch ihren eigenen Willen zu bekommen. Dies geschah ganz besonders in der Frage der Dienstzuweisungen. Mit ein bisschen Schlauheit und diplomatischem Geschick konnte man eine unliebsame Zuweisung verhindern oder sie in eine bessere umändern. Ich zum Beispiel sollte Priester eines kleinen, weit abgelegenen Dorfes werden. Ich manipulierte die Umstände so, dass dieser Auftrag annulliert wur- de und ich eine Stelle als Lehrer in einem Seminar zugewiesen bekam.

Der Rat eines Franziskaners von Gethsemane

Diese Stelle brachte ihre eigenen Schwierigkeiten mit sich. Ich musste mich nun aufs Äusserste anstrengen, um meinen Schülern ein gutes Vorbild zu sein. Abwechselnd mit einem anderen Priester musste ich am Morgen die Messe lesen. Wir beide waren die einzigen Lehrpriester am Seminar, die der syrischen Tradition angehörten. Die anderen waren Benediktiner.

Meine Sehnsucht nach einem vollkommenen Leben wurde immer stärker und ich versuchte, die Kraft dazu aus den Sakramenten zu schöp- fen. Aber sie gaben mir diese Kraft nicht. Die Enttäuschung darüber löste in mir eine Krise aus, so dass ich begann, am Wert und an der Wahrheit der Sakramente zu zweifeln. Von diesem Moment an befasste ich mich mit dem Gedanken, das Priesteramt niederzulegen; nicht dass ich die römisch-katholische Kirche verlassen wollte, nein, aber ich wollte von der Bürde meiner priesterlichen Aufgaben frei werden. Ich fühlte mich völlig unwürdig für dieses heilige Amt. Ich sprach mit meinem Beichtvater, einem alten Franziskaner, der im Kloster von Gethsemane lebte. Er sagte ganz schlicht: „Mein lieber Junge, selbst die grössten Heiligen kämpften mit Anfechtungen, die sich gegen ih- ren Glauben richteten. Das ist kein Grund aufzugeben. Geh einfach in Frieden voran. Es ist Satan, der nicht will, dass du das Rechte tust.“

Priester in Beirut

Fünf Jahre später wurde ich zum Priester einer syrisch-katholischen Pfarrei in Beirut ernannt. Dort kam ich mehr in Berührung mit Men- schen und ihrem Elend. Ich lernte das Leiden der Armen kennen und gewann sie lieb, aber ich fand weder Frieden für meine Seele noch Frieden und Harmonie mit dem zweiten Priester dieser Pfarrei.

Dieser Priester war ein alter, geldgieriger Schurke. Er war Leiter einer Schule und behielt von den Spenden so viel wie möglich für sich selber. Das war möglich, weil die libanesischen Schulen nicht unter staatlicher Aufsicht stehen, sondern privat verwaltet werden. Obwohl ich nichts mit ihm zu tun hatte, liess er mich doch nicht in Ruhe, son- dern beschwerte sich ständig beim Bischof über mich. Der Bischof hatte ein gutes Verhältnis zu mir, denn er hatte mich zum Priester ge- weiht. Mit der Zeit bekam ich eine grosse Abneigung gegen meinen Priesterkollegen und andere seinesgleichen, aber das war kein ausreichender Grund, um die Kirche zu verlassen. Und vor allem fehlte mir der Mut zu einem solchen Schritt.

Die Seele kann nicht mit Geld gesättigt werden

Trotz anhaltender ethischer Konflikte teilte ich die Sakramente aus, was wiederum Spannungen auslöste. Um eine Messe zu zelebrieren, sollte ein Priester ein ausreichend reines Gewissen haben, und diese Reinheit erhält er bei der Beichte. Oft war es mir möglich, vor der Messe beichten zu gehen, aber nicht immer tat ich es. Dann musste ich mich selber mit einer Bussübung beruhigen, bei welcher ich den festen Vorsatz ausdrückte, meine Sünde bei der nächstmöglichen Gelegenheit zu bekennen. Aber es war immer noch sehr schwierig für mich, mich auf diesen psychologischen Bussakt richtig einzustellen, denn er musste in Liebe zu einem vollkommenen Gott vollzogen werden.

Ich musste mich oft mit diesem Bussakt beruhigen, bevor ich die Messe las. Oft hatte ich das Gefühl, eine gotteslästerliche Messe zu zelebrieren, obwohl ich ja nur meine Pflicht tat. In diesem Zustand den Priesterdienst versehen zu müssen, wurde mir mehr und mehr zur schweren Last.

Schliesslich ging ich zum päpstlichen Nuntius und bat ihn, mich meiner priesterlichen Aufgaben zu entheben. Doch wieder wurde ich enttäuscht. Der Nuntius meinte, ich hätte nur eine Depression, eine vorübergehende psychische Störung. Er gab mir ein wenig Geld, etwa 35 Dollar, um mich aufzumuntern. Doch dies war mir keine Hilfe. Mein Geldbeutel war voller geworden, aber meine Seele leerer.

Liebe zu solch einer harten Kirche?

Ich war meiner priesterlichen Pflichten müde und wollte sie offiziell, ohne Groll, Ärger, Diskussionen oder Schwierigkeiten mit meiner Kirche ablegen. Ich wollte mit meinem Weggang keine grosse Aufregung verursachen, aber die Kirche erlaubte mir nicht, in Ruhe wegzugehen. So begann ich, mich als Sklave eines schrecklichen Systems zu füh- len. Wie versuchte doch die römisch-katholische Kirche, mein gan- zes Leben zu tyrannisieren! Ich wäre gerne als gewöhnlicher Laie in der Kirche geblieben. Aber ich merkte, dass dies niemals möglich sein würde. Ich konnte dem Druck der Hierarchie nicht entrinnen. Wie hatte ich je eine Kirche lieben können, die so hart zu mir war?

Ich wollte mein Priesteramt loswerden, koste es, was es wolle, aber ich traute mich nicht. Da ich z.B. glaubte, dass nur die Kirche Roms die Hüterin des Heils sei, ausserhalb derer es keine Errettung gebe, fürchtete ich, sie zu verlassen. Zugegeben, ich hatte auch Angst, verloren zu gehen, wenn ich im jetzigen Moment sterben würde, aber trotzdem hielt ich fest an dem Glauben, dass innerhalb der Kirche mein Heil gesichert sei.

Ein Priester vergiftet sich

Etwa in dieser Zeit nahm sich ein Priester das Leben, indem er sich vergiftete. Er war ein schlechter Priester gewesen und hatte allerhand schamlose Dinge getrieben. Er war auch spielsüchtig gewesen. Manchmal hatte er gewonnen, manchmal verloren. Am Ende beging er Selbst- mord. Ich überlegte mir, es ihm nachzumachen. Vor dem endgültigen Schritt würde ich mich der Barmherzigkeit Gottes anbefehlen und ihn bitten, in mir eine Haltung vollkommener Busse zu bewirken. Doch auch dieser Gedanke machte mir Angst. Ich war hilflos und niedergeschlagen.

Das abschreckende Bild des abgefallenen Priesters

Obwohl ich in so schlechter Verfassung war, wagte ich es nicht, die römisch-katholische Kirche zu verlassen, denn dann wäre ich ein abgefallener Priester geworden. Wie oft hatte man uns das abschrecken- de Bild des abtrünnigen Priesters vor Augen gemalt! Allerdings hatte man uns nur von den Priestern erzählt, die ihres Amtes enthoben worden waren und die Kirche verlassen hatten. Ich wusste nicht, dass es viele andere Priester gibt, die die Kirche verlassen haben, weil die Liebe Jesu Christi sie gerufen hat. Die Kirche zu verlassen bedeutete für mich, den gleichen Weg zu gehen wie Renan, De Lammenais und Loisy, Ex-Priester, die uns als schreckliche Beispiele des Hochmuts oder als Sklaven tierischer Instinkte vor Augen gemalt worden waren. Nein, niemals wollte ich so enden.

Erneute Suizidgedanken

Aber ich war in akuter innerer Not und brauchte dringend Hilfe. Eines Tages ging ich in die Kirche, schlug auf den Altar und flehte: „Herr, wenn du jetzt wirklich hier bist, dann hilf mir, bitte!“ Aber ich erfuhr keine Erleichterung, im Gegenteil: Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich eine neue Sünde gegen meinen Glauben begangen hatte, indem ich sagte: „Wenn du jetzt wirklich hier bist…“ Ich hatte Zweifel am Dogma der Realpräsenz und der Transsubstantiation ausgedrückt, also in Frage gestellt, dass Christus wirklich in der Hostie gegenwärtig sei. Wer aber willentlich an einem römisch-katholischen Dogma zweifelt, begeht eine Todsünde. In grosser Verzweiflung kehrte ich in mein Zimmer zurück und überlegte einmal mehr, meinem Leben ein Ende zu setzen und mich in die Ewigkeit zu stürzen. Aber ich wagte es nicht.

Zum Beten gedrängt

Plötzlich hatte ich ein starkes Verlangen zu beten, aber nicht ein vorgegebenes Gebet aus meinem syrischen Brevier. Ich wollte mich aus der Tiefe meines Herzens in einem persönlichen Gebet an Gott wenden. Ich kniete nieder und sprach: „Herr, ich will nicht ein Abtrünniger werden, aber doch habe ich Angst, dass ich all meinen Glau- ben verliere. Darum bitte ich dich: lass mich sterben, während ich noch an dich glaube, an dich und deinen Sohn Jesus Christus und deinen Heiligen Geist, an deine heilige Kirche und an alles, was sie lehrt.“

Durch die Bibel spricht Jesus zu mir

Kurz nach diesem Gebet spürte ich den Impuls, mein Neues Testa- ment zu öffnen. Ich besass verschiedene Bibelausgaben, in Arabisch, Aramäisch, Latein und Französisch, aber ich hatte nie wirklich nach- denkend darin gelesen, d.h. ich hatte ihren Inhalt nie mit hungrigem Herzen ergriffen. Ich hatte keine Ehrfurcht vor dem Wort Gottes, dem Buch des Herrn, der Bibel. Ich hatte nie Zeit für sie oder Verlangen nach ihr, denn ich erwartete von ihr keine Hilfe für meine Seele. Als ich an diesem Tag die Bibel öffnete, fielen meine Augen auf Matthäus 11,28: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken!“

Aus menschlicher Sicht war es Zufall, aber Gott, der alles in seinen Händen hat und der alles führt, hatte diesen Text für mich vorbereitet. Ich las diese Worte nicht zum ersten Mal. Im Gebetsbuch und in der Messliturgie hatte ich sie schon oft gelesen, aber keine Bedeutung für mich darin gesehen. Aber nun waren sie eine persönliche Botschaft von Jesus an mich. So betete ich ein zweites Mal: „Herr, ich nehme dich beim Wort. Du bist es, der mich ruft. Hier bin ich. Du hast ver- sprochen, meine Bürden wegzunehmen. Nun, hier sind sie. Nimm sie weg von mir und gib mir Ruhe.“ Ich erfuhr eine gewisse Erleichte- rung, aber ich hatte Jesus in dem Moment noch nicht als meinen per- sönlichen Retter erkannt.

Eine törichte Idee

Ich musste zu meinen priesterlichen Verpflichtungen zurückkehren. Die Menschen meiner Pfarrei beanspruchten meine Aufmerksamkeit, und mein trauriges, lustloses Leben ging weiter. Eines Tages erinnerte ich mich daran, dass das erste Mal, wo ich etwas Erleichterung erfahren hatte, sie durch die Bibel gekommen war. Warum sollte ich also nicht in das Bibelhaus in Beirut gehen und dort nach einem Buch über vergleichende Religionswissenschaften fragen?

Heute denke ich mit einem Lächeln an meine damalige Naivität zurück. Ich suchte nach einem Buch über verschiedene Religionen, um dann eine passende auszuwählen! Ich erzähle dies, um zu zeigen, wie weit ein römisch-katholischer Priester von der Wahrheit abirren kann.

Nie hatte ich eine lebendige, für mich persönlich bedeutsame Reli- gion gekannt. Ich war auf der Suche nach etwas Anspruchsvollem. Ich wollte zwischen Islam, Buddhismus, Konfuzianismus, Hinduismus, der griechisch-orthodoxen Kirche und dem Protestantismus auswählen. Für mich waren sie alle gleichwertig. Ich wollte mir eine davon auswählen, aber natürlich wollte ich meine Wahl auf intellektueller Ebene treffen.

Als ich in meinem Priestergewand zum Beiruter Bibelhaus ging, war ich mir sehr bewusst, dass ich ‚Ketzer‘ aufsuchte. Ich klingelte und fragte nach einem Buch über Religionen. Ich wurde freundlich begrüsst, dann sprachen sie mit mir, waren hilfsbereit, und vor allem: sie beteten für mich. Es war das erste Mal, dass ich mit Protestanten betete. Sie sprachen nicht über andere Religionen oder über eine Kirche, sondern nur über Jesus Christus. Wie dankbar bin ich dem Herrn, dass er sie inspirierte, über seinen Sohn zu sprechen. Ich hörte freudig zu. Sie gaben mir ein Heft mit dem Titel „Auf dem Weg zur Gewissheit“. Es war in der Schweiz gedruckt worden und enthielt einige Bibeltexte mit Illustrationen und Bemerkungen.

Errettung in Christus allein

Ich nahm dieses einfache Heft in mein Zimmer und las jeden Tag ein wenig daraus. Nach und nach verstand ich die Botschaft des Evangeli- ums. So kam ich zu einer Entscheidung, die seit langer Zeit durch die Führung Gottes vorbereitet worden war. Während ich dieses Heft und das Wort Gottes las und darüber nachdachte, wurde mein Herz bereit. Ich kniete nieder, um mein Vertrauen allein Jesus zu geben. Durch Gottes Gnade war alles in mir offen, um ihn anzunehmen. Ich schloss meine Augen und öffnete nur die Augen meines Herzens in Glauben und Liebe und sagte zu dem Herrn: „Jesus, du allein bist der Retter; dein Name bedeutet Retter. Ich empfange dich als meinen Retter und will von diesem Moment an auf nichts und niemand anderen bauen als auf dich. Von jetzt an erwarte ich meine Rettung nur von dir.“

So geschah das Wunder, das ich so sehr brauchte: eine geistliche Geburt. Ich wurde eine neue Schöpfung, ein Kind Gottes. Äusserlich war ich immer noch Mitglied der römisch-katholischen Kirche, und ich trug immer noch mein Priestergewand. Die Bücher in meinem Zimmer waren immer noch ausschliesslich römisch-katholisch. Aber innerlich war ich kein Katholik mehr, ich war Christ geworden. Mein Denken war [zwar] noch römisch-katholisch, denn es ist schwer, so viele Jahre pseudo-biblischer Gelehrsamkeit abzulegen, aber in mei- nem Geist bezeugte mir der Geist Gottes, dass ich ein Kind Gottes geworden war. „Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist der Sohnschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind“ (Römer 8,15-16).

Mein Weggang

Als ich meinem Bischof mitteilte, dass ich die römisch-katholische Kirche verlassen wolle, bezeichnete er meine komischen Ideen als ‚pro- testantische Trugschlüsse‘. Er verlangte, dass ich mit einem jesuiti- schen Priester spreche. Dieser fragte mich, ob ich zum Heiligen Vinzenz von Paul und der Heiligen Jungfrau bete. Ich antwortete, dass ich nur im Namen Jesu Christi zu Gott bete, worauf er sagte: „Es ist mir ganz klar, dass du schon zu sehr ein Protestant bist. Es tut mir leid, aber ich kann nicht weiter mit dir sprechen.“ Als der Bischof dies ver- nahm, wollte er mir zwei Wochen Bedenkzeit geben, aber ich erklärte ihm, dass ich keine einzige weitere Messe lesen, keine Beichte mehr abhören und zu keinem Heiligen mehr beten würde. Daraufhin sagte er: „Dann tu, was nötig ist, damit wir nicht gezwungen sind, die äussersten Massnahmen zu ergreifen.“ Ich wusste, was dies bedeutete, packte meine Sachen und reiste ab, bevor die Polizei gerufen wurde, um mich vom Kirchengelände wegzuschaffen.

„Verflucht sei Pastor Khouri!“

Ich verliess meine Kirche, aber ich verliess sie in völligem Herzens- frieden. Ich hatte die römisch-katholische Kirche nicht verlassen kön- nen, solange ich Katholik war. Es war nötig, Jesus zu begegnen, von Person zu Person, um diesen Schritt vollziehen zu können. Vorher hatte ich mich zu sehr davor gefürchtet, ein abtrünniger, abgefallener Ket- zer zu werden.

Vor meinen inneren Augen hatte ich bereits meinen Namen auf der Liste der exkommunizierten Personen gesehen, die im hintern Teil der Kirchen Beiruts und der ganzen syrisch-katholischen Welt hängt. In unserem Teil der Welt wird jeder, der unter dem Kirchenbann steht, auf einer Liste aufgeführt, die für mindestens ein Jahr am Schandbrett der Kirche angenagelt bleibt. Ich konnte schon die Leute hören: „Pa- stor Vinzenz Khouri ist exkommuniziert worden. Er ist ein Ketzer geworden. Er ist verflucht. Er sei anathema, er sei verflucht.“

Immer hatte ich dieses furchterregende Bild vor Augen gehabt und deshalb nie gewagt, die Kirche zu verlassen. Aber diese Ängste verschwanden völlig, als ich Christus als meinen persönlichen Retter ken- nenlernte. Ich hatte schon in früheren Zeiten zu Jesus gebetet, aber nie zu meinem Jesus, meinem Retter. Die Leute beten oft im Namen Jesus zu Gott, aber kennen ihn nicht als ihren eigenen Retter.

„Wenn ihr nun mit dem Christus auferstanden seid, so sucht das, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist; denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott“ (Kolosser 3,1-3).

Zum Zeugen berufen

Ich kann diesen Bericht nicht abschliessen, ohne eines zu betonen: Ich bin überzeugt, dass Gott jeden dazu berufen hat, ein Zeuge für Jesus Christus zu werden. Die Zeit der Vorbereitung mag lang sein, aber Gott hat dich befreit, damit du mithilfst, andere zu befreien. Sei dir dessen immer bewusst. Aber auch hier gilt: den Auftrag, anderen von der wahren Freude weiterzusagen, können wir nur erfüllen, wenn wir diese Freude selber besitzen. Freude kann nur in Jesus Christus gefunden werden. Jeder Mensch kann diese Freude erleben, wenn er durch den Heiligen Geist geführt wird und an das geschriebene und das fleischgewordene Wort Gottes glaubt.

Ich bete darum, dass diese Freude in Jesus Christus völlig dein Ei- gentum wird. Überall auf der Welt beten meine Brüder und Schwe- stern, erlöste Kinder Gottes, für euch Priester. Ich sage euch dies als Ermutigung für die Zeit, wo dunkle Stunden und Depressionen kommen.

Wie wunderbar ist es, dass wir wahre, ja königliche Priester vor Gott sein dürfen. Nicht wie levitische Priester, die unter einem besonderen kirchlichen System seufzen, sondern wir sind jetzt Priester, weil unsere Seelen vom Heiligen Geist dazu gesalbt sind: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigentums, damit ihr die Tugenden des- sen verkündet, der euch aus der Finsternis berufen hat zu seinem wun- derbaren Licht“ (1.Petrus 2,9).

Wir wissen von Thoufic Khouris grossem Wunsch, diejenigen zu er- reichen, die aufrichtig und hingebungsvoll im römisch-katholischen Priesterdienst stehen. Er wurde im Libanon geboren, und sein Zeugnis ist von ganz spezieller Art, ansprechend sowohl für Katholiken, Griechisch-Orthodoxe, wie auch Buddhisten, Moslems und Hindus.