Ein Priester, aber ein Fremder für Gott – Joseph Tremblay

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1924 wurde ich in Quebec, Kanada geboren. Meine Eltern prägten mir von Kindheit an eine grosse Ehrfurcht vor Gott ein, und mich ver- langte sehr danach, diesem Gott so gut ich konnte zu dienen und mich ihm völlig zu weihen. Ich wollte ihm gefallen, wie der Apostel Paulus schrieb: „Ich ermahne euch nun, ihr Brüder, angesichts der Barmher- zigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber darbringt als ein lebendiges, hei- liges, Gott wohlgefälliges Opfer: das sei euer vernünftiger Gottes- dienst!“ (Römer 12,1). Diese Sehnsucht, Gott zu gefallen, bewegte mich dazu, römisch-katholischer Geistlicher zu werden.

Als Missionar in Bolivien

Nach mehreren Jahren des Studiums wurde ich in Rom zum Priester geweiht. Ein Jahr später wur-de ich als Missionar nach Bolivien und Chile gesandt, wo ich überdreizehn Jahre als Missionar für die Kongregation der ‚Oblaten derunbefleckten Empfängnis‘ diente. Ich liebte dieses Leben sehr und versuchte, meine Verantwortlichkeiten so gut ich konnte zu erfüllen. Ich genoss die Freundschaft aller meiner Mitarbeiter, und obwohl sie meine Freude am Studium der Bibel belächelten, zeigten sie doch ihre Anerkennung, indem sie mich nach den Ergebnissen meiner Studien fragten.

Als sie mir den Spitznamen ‚Bibel-Joe‘ gaben, wusste ich, dass sie mich trotz des sarkastischen Untertones beneideten. Meine Gemeinde- glieder schätzten meinen Dienst am Wort Gottes so sehr, dass sie Haus- bibelstunden organisierten. Dadurch war ich gezwungen, mich ernst- haftem Bibelstudium hinzugeben, zum einen für die improvisierten Hauskreise, zum anderen für die sonntäglichen Predigten.

Ernsthaftes Bibelstudium

Das Studium der Bibel war bis zu diesem Zeitpunkt lediglich ein Hobby gewesen, jetzt aber wurde es schnell zu einer gewissenhaften Verpflichtung. Mir fiel einerseits auf, mit welcher Klarheit die Bibel gewisse Wahrheiten lehrt, und andererseits entdeckte ich, dass sie über die vielen Dogmen, die ich studiert hatte, gar nichts sagt. Durch mein Bibelstudium wurde mir bewusst, dass ich die Bibel gar nicht kannte. Daher machte ich meinen Vorgesetzten den Vorschlag, meinen bevor- stehenden Urlaub für ein vertieftes Bibelstudium zu nutzen.

In der Zwischenzeit hatten mich die Jesuiten von Antofagasta, Chile, eingeladen, an ihrer pädagogischen Hochschule die Bibel zu lehren. Ich weiss nicht, woher sie von meinem Interesse an der Bibel gewusst haben. Trotz meiner ungenügenden Vorbereitung nahm ich ihre Einla- dung an, im Bewusstsein, dass diese neue Verantwortung noch mehr ernsthaftes Studium des Wortes Gottes erfordern würde.

Das Evangelium über das Radio

Viele Stunden, Tage und Nächte waren der Vorbereitung des Unter- richts, der Hauskreise und Predigten geweiht. Um während meines Lesens und Studierens in guter Stimmung zu bleiben, hörte ich Musik dazu. Mein kleines Transistorradio lieferte mir wunderschöne Hinter- grundmusik und ersparte mir die Mühe, Schallplatten zu wenden.

Eines Tages fiel mir auf, dass religiöse Lieder und Hymnen an mein Ohr drangen. Während ich mit Bibel und Kommentaren am Arbeiten war, hörte ich immer wieder das Wort ‚Jesus‘ aus dem Radio. Dann las jemand einen Abschnitt aus der Bibel vor. Vor allem der letzte Vers liess mich aufhorchen: „Denn Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes  würden“ (2.Korinther 5,21). Anschliessend predigte jemand über diesen Vers. Zunächst war ich versucht, den Sender zu verstellen, da es mich zu sehr ablenkte, während meines Studiums jemanden spre- chen zu hören. Ausserdem sagte ich mir: „Was sollte ich aus dieser Predigt noch lernen? Ich mit all meinen Abschlussgraden! Ich könnte diesem Mann noch das eine oder andere beibringen.“

Nach kurzem Zögern entschied ich mich, doch anzuhören, was der Sprecher zu sagen hatte. Und wirklich, ich lernte einige der wunderbarsten Dinge über die Person von Jesus Christus. Ich schämte mich sehr, als mir klar wurde, dass ich niemals so gut hätte predigen können wie dieser unbekannte Redner. Es war mir so vorgekommen, wie wenn Jesus selbst zu mir gesprochen hätte und nun vor mir stand. Und wie wenig ich ihn kannte, diesen Jesus, der doch eigentlich Gegenstand meiner Gedanken und Studien war. Ich spürte, dass er weit von mir entfernt war. Es war das erste Mal, dass solche Empfindungen Jesus Christus gegenüber in mir aufkamen. Er schien mir ein Fremder zu sein. Und in mir schien ein grosses Loch zu sein.

Das wunderschöne Gebäude von wohl durchdachten Prinzipien und gut illustrierten theologischen Dogmen, das ich um dieses Nichts her- um errichtet hatte, hatte weder meine Seele berührt noch mein Wesen verändert. Ich fühlte eine riesengrosse Leere in mir. Und obwohl ich mein Bibelstudium fortsetzte, weiterhin betete und nachdachte, wurde diese Leere doch mit jedem Tag grösser.

Ich höre von Erlösung durch Gnade

Ich fuhr fort, diesen Sender zu hören und schaltete dieses Programm so oft wie ich konnte ein. Ich erfuhr, dass sich die Sendestation in Quito, Ecuador, befand und unter dem Namen HCJB bekannt war. Ebenso erfuhr ich, dass diese Radiostation ausschliesslich dazu ge- nutzt wurde, die Botschaft vom Evangelium in die ganze Welt zu sen- den. Manchmal wurde ich von dem Gehörten tief getroffen. Bei sol- chen Gelegenheiten schrieb ich sofort an die Sendeadresse, dankte für das Gehörte und bat um Informationsmaterial.

Von allem, was ich hörte, traf mich am stärksten, mit welcher Beharr- lichkeit diese Menschen von der Errettung aus Gnade sprachen und betonten, dass alle Ehre für die Errettung eines Menschen nicht dem Erretteten zusteht, sondern dem Herrn Jesus Christus, dem einzigen Retter, und dass der Mensch sich wegen nichts rühmen kann, auch dass seine Werke nichts als schmutzige Kleider sind; dass das ewige Leben im Herzen nur als ein freies Geschenk angenommen werden kann und nicht eine Belohnung für erworbene Verdienste ist, sondern ein unverdientes Geschenk, das Gott all denen gibt, die von ihren Sün- den Busse tun und Jesus Christus in ihr Herz und Leben aufnehmen. Alles das war neu für mich und stand im Gegensatz zu der Theologie, die man mich gelehrt hatte: dass wir uns den Himmel und das ewige Leben aufgrund unserer Verdienste, Treue, Wohltätigkeit und Opfer verdienen. Und genau das hatte ich nun schon so viele Jahre versucht! Aber was war das Ergebnis all meiner Bemühungen?

Als ich über diese Frage nachdachte, sagte ich mir: „Ich bin kein Stück weiter gekommen. Wenn ich eine Todsünde begehe und in die- sem Zustand sterbe, komme ich in die Hölle. Meine Theologie hat

mich gelehrt, dass man Erlösung durch gute Werke und Opfer bekommt. Aber die Errettung, von der die Bibel spricht, ist ein freies Geschenk Gottes. Meine Theologie gibt mir keine Gewissheit der Errettung, aber die Bibel bietet mir die- se Gewissheit an. Ich bin verwirrt. Viel- leicht sollte ich diese evangelischen Programme nicht mehr hören.“

Mein innerer Kampf nahm erschrek- kende Ausmasse an. Ich litt, sowohl an meinem Körper als auch in meinem Her- zen. Ich hatte Kopfschmerzen, konnte nicht mehr schlafen, fürchtete mich vor der Hölle. Ich hatte kein Verlangen, die Messe zu lesen oder Beichten zu hören.

Meine eigene Seele brauchte viel dringender Vergebung und Trost als all die Seelen, mit denen ich zu tun hatte! Ich vermied jeden Kontakt mit anderen.

Aber in der Einsamkeit meines gequälten Herzens redete Gott weiter zu mir. Es stiegen so viele Fragen in meinem Geist auf; so viele Be- denken bewegten mein Herz. Da kam das Wort Gottes mir rettend ent- gegen und breitete einen erfrischenden Balsam über meine fiebernden Gefühle aus. „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat“ (Johannes 3,16).

„Denn alle haben gesündigt und verfehlen die Herrlichkeit Gottes, so dass sie gerechtfertigt werden ohne Verdienst durch seine Gnade aufgrund der Erlösung, die in Christus Jesus ist“ (Römer 3,23-24). „Denn der Lohn der Sünde ist der Tod; aber die Gnadengabe Gottes ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn“ (Römer 6,23). Mir kamen noch viele andere Bibelstellen in den Sinn, Textstellen, die ich nun kannte, da ich sie oft auf dem Sender HCJB gehört hatte.

Die Heilige Mutter Kirche

So entschloss ich mich, mit meinem Superior zu reden, der ein sehr weiser Mann und ein echter Vater für alle war. Er hatte bereits meine Einstellung bemerkt. Ich hätte mich verändert, sagte er, etwas sei nicht in Ordnung. Und er liess mich erzählen. Am Ende meines Bekenntnis- ses sagte ich zu ihm: „Ich möchte gerne nicht nur die Bibel lesen und studieren, sondern auch versuchen, mein Leben nach ihr zu richten und so zu leben, wie es geschrieben steht, frei von dem, was Men- schen mir auferlegen wollen.“ Seine Antwort war sehr vage, denn er wollte mich nicht verletzen. Er riet mir, weiterhin die Bibel zu lesen, aber erinnerte mich auch an die Pflicht, den Lehren der heiligen Mut- ter Kirche gegenüber treu zu bleiben und sich ihr auch in den Dingen zu unterwerfen, die man nicht versteht. Ich hörte dem Superior mit allem Respekt zu, den ich ihm schuldig war, aber in meinem Herzen hatte ich den Glauben an die Kirche bereits verloren, denn sie hatte keine klare Lehre über die Gewissheit der Errettung. Auch mein Vor- gesetzter wusste nicht, ob er errettet war.

Das Licht ging in einem Moment in meinem Herzen auf, als ich es am wenigsten erwartete. Ich war an der Reihe, die Sonntagspredigt zu halten. Dazu hatte ich das Thema „Religiöse Heuchelei“ und einen Text aus dem Matthäusevangelium gewählt: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Reich der Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen ge- weissagt und in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und in deinem Namen viele Wundertaten vollbracht? Und dann werde ich ihnen be- zeugen: Ich habe euch nie gekannt; weicht von mir, ihr Gesetzlosen!“ (Matthäus 7,21-23).

Der Heilige Geist arbeitet

Ich kannte meine Gemeindeglieder. Ich wollte ihre Aufmerksamkeit darauf lenken, dass manche sich ihrer guten Werke rühmen ohne zu merken, dass sie damit nur die Verdorbenheit ihres Herzens tarnen. Während ich meine Botschaft an die Gemeinde richtete, merkte ich, dass das Wort Gottes zu mir zurückkam, wie ein Tischtennisball, der zurückfliegt und dem Spieler ins Gesicht prallt.

Es ist merkwürdig, wie der menschliche Geist in wenigen Sekunden ein komplettes Gedankengerüst aufbauen kann, für das man, um es aufzuschreiben, Stunden brauchen würde. Genau das erlebte ich wäh- rend dieser Predigt: Jemand anderer sprach in meinem Herzen und hielt mir eine Predigt, die genau meinen persönlichen Bedürfnissen entsprach.

Ich hatte gemeint, besser als alle meine Zuhörer zu sein, war ich doch ein Mönch und Priester. Aber nun spürte ich, dass dasselbe Urteil auch mir galt: „Ich habe dich nie gekannt, weiche von mir.“ Ich hörte meine eigenen Argumente angesichts dieser drohenden Gefahr und Verdammnis: „Wie ist es möglich, mein Gott, dass du mich nicht kennst? Bin ich nicht dein Priester? Bin ich nicht ein Geistlicher? Sieh
auf all die Opfer, die ich dir dargebracht habe: die Jahre des Studiums, die Trennung von meinen Eltern und von meiner Heimat, meine Gelübde der Armut, des Gehorsams und der Ehelosigkeit.  Mein ganzer Besitz, mein Wille, sogar mein Körper sind dir geweiht, damit ich dir besser dienen kann! Und du willst
mir sagen, dass du mich nie gekannt hast? Denke an all die Leiden, die ich während meiner Zeit als Missionar erduldet habe: ich habe mich nicht immer sattgegessen, ich habe mit den Weinenden geweint, ich habe hunderte Kinder getauft, ich habe die verschiedensten Beichten gehört, ich habe so viele traurige, entmutig- te Seelen getröstet, ich habe Kälte, Einsamkeit, Verachtung, Undank- barkeit und Drohungen erlitten… Ich bin sogar bereit, mein Leben für dich zu geben…“

Aber trotz aller Argumente, die ich Gott vorbrachte, hörte ich diesel- be Verdammnis in meinen Ohren klingen: „Ich habe dich niemals ge- kannt…“. Ich war mit meinen Argumenten am Ende, am Ende meiner Kraft. Ich war dem Zusammenbruch nahe und fürchtete, vor der Ge- meinde, die den Sturm herannahen spürte, in Tränen auszubrechen. Schliesslich konnte ich meine Predigt nicht mehr fortsetzen.

Die Erkenntnis, dass ich mein ganzes Leben auf falsche Werte aufge- baut hatte und zu Recht unter dem Verdammungsurteil Gottes stand, war mehr, als ich tragen konnte. Ich flüchtete in mein Büro, kniete nieder und wartete, bis Stille einkehrte. Mehr konnte ich nicht tun. Ich befand mich in einem Zustand völliger Erschöpfung, Niedergeschla- genheit und Hoffnungslosigkeit. Das war der Augenblick, in dem Gott mir seine Gnade geben konnte.

Nach der Schulderklärung – die Antwort

Gott öffnete meine Augen und ich erkannte die Bedeutung des Todes Jesu Christi. Ich erkannte auch den Grund, warum Gott mein bisheri- ges Leben verwerfen musste. Ich hatte versucht, mich durch meine Werke selber zu retten. Aber Gott wollte mich durch seine Gnade er- retten. Meine Sünden und das Gericht, das diese nach sich zogen, hat- te bereits ein anderer getragen: Jesus Christus. Das war die Bedeutung des Kreuzes. Christus war für die Sünden anderer gestorben, denn er selber hatte niemals gesündigt. Für wessen Sünden also war er gestor- ben? Etwa für die meinen? Ja, auch für die meinen!

Mir fielen die Worte Jesus ein: „Kommt her zu mir alle, die ihr müh- selig und beladen seid, so will ich euch erquicken!“ (Matthäus 11,28). Ich schloss daraus, dass ich zu Jesus gehen musste, wenn ich Gewissheit der Errettung und Frieden für meine Seele haben wollte. Bloss: Wo war Er, dass ich zu ihm gehen könnte?

Da erinnerte ich mich an ein weiteres Bibelwort, das ich gehört hatte:

„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stim- me hört und die Tür öffnet, so werde ich zu ihm hineingehen und das Mahl mit ihm essen und er mit mir“ (Offenbarung 3,20). Nun wusste ich, wo Jesus sich befand. Viel näher, als ich es mir vorgestellt hatte! Unverzüglich gewährte ich ihm Eingang. Ohne jemand anderes um Erlaubnis zu bitten, unterstellte ich mein Leben Seiner Herrschaft. Im gleichen Moment wusste ich, dass ich freigesprochen war von der Stra- fe, die mich diese ganze lange Zeit bedroht hatte. Ich war gerettet, mir war vergeben und ich hatte ewiges Leben. Gott hatte angefangen in mir zu arbeiten. Jetzt verstand ich die Worte, die ich so oft gehört hatte und die jetzt in meinem Leben Wirklichkeit geworden waren: „Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden“(2.Korinther 5,21).

Mein Kampf, weiterzumachen

Was geschah danach? Zuerst führte ich meinen Dienst als Priester so gut ich konnte fort. Doch mehr und mehr fühlte ich mich fremd in diesem Amt. Ich bemerkte, dass die Gnade, die mich errettet und zu einem Kind Gottes gemacht hatte, den ‚Werken‘ entgegenstand, die von mir als Priester erwartet wurden. Einerseits war ich glücklich, denn ich hatte Gewissheit über meine Errettung, andererseits wurde ich er- stickt von einem System, das mich zwang, gute Werke zu tun, um Er- rettung zu erlangen.

Da ich nun meiner Errettung gewiss war, wurden all diese Werke immer unwichtiger. Das einzige, was mich interessierte, war Jesus Chri- stus, wer er war und was er getan hatte. So vernachlässigte ich die Themen, die von der liturgischen Kommission der Diözese vorberei- tet wurden, und widmete all meinen Verkündigungsdienst der Person und dem Werk meines geliebten Retters. Ihn malte ich meiner erstaun- ten Gemeinde vor Augen, und trotz der Verunsicherung wurde sie oft dadurch erbaut.

Da ich nicht länger Dinge predigen konnte, die dem Wort Gottes widersprechen, bat ich darum, von meiner Funktion als Gemeinde- priester entlassen zu werden. Meine Vorgesetzten akzeptierten meinen Rücktritt, obwohl sie nicht verstanden, warum ich gehen wollte. Sie hatten mich wirklich gut behandelt und waren mir in vielem entgegen- gekommen. So weit sie es sehen konnten, hatte mir nichts gemangelt. Das stimmte auch, was Nahrung, Kleidung, Unterkunft und ähnliches anging. Aber jetzt hatte ich gefunden, was die Kirche mir nicht geben konnte: die Gewissheit, errettet zu sein. Christus war nun mein Retter, ich musste mein ewiges Heil nicht mehr selber erarbeiten. Ein Anderer hatte dies für mich getan.

Christen besuchen mich

1965 kehrte ich nach Quebec zurück für einen längeren Erholungs- urlaub. Kurz darauf besuchten mich evangelische Christen, die mei- nen Namen von Mitarbeitern des HCJB erhalten hatten. Obwohl ich den Austausch mit ihnen sehr erbaulich fand, öffnete ich mich ihnen nicht völlig. Ich wollte nicht wiederum in ein theologisches System hineinfallen, nachdem ich so viele Jahre von dem System unterdrückt

worden war, in das ich hineingeboren und worin ich aufgewachsen war und für das ich fast vierzig Jahre gelebt hatte. Trotzdem betete ich zum Herrn, dass er mir Brüder und Schwestern zeigen möge, denen ich mich anschliessen könnte, um nicht so allein zu sein.

Aufgrund des Berichtes in der Apostelgeschichte wusste ich um die Erfahrungen der ersten Christen: „Und sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und in den Gebeten“(Apostelgeschichte 2,42). War es möglich, dass sich Christen auch heute noch versammelten, um den Herrn im Gedächt- nis zu halten, während sie auf seine Wiederkehr warteten? Gott, der sich um die Errettung meiner Seele gekümmert hatte, würde sich auch wei- ter um mich kümmern und mir zeigen, wo seine Kinder zu finden waren.

Eine neue Aufgabe

Meine Vorgesetzten in Montreal luden mich ein, einen Professor der Theologie an einem College in Rouyn zu ersetzen. Das Thema, das ich leh- ren sollte, war: ‚Die Kirche‘. Man er- möglichte mir den Zugang zu allen Büchern, die nötig waren, um meinen Unterricht vorzubereiten.

Ich begann meine Vorbereitungen allerdings, indem ich alleine die Bibel gebrauchte. So erklärte ich meinen Schülern aufgrund biblischer Aussagen, was die Kirche ist. Ich muss zugeben, dass ich selber Schwierigkeiten hatte, das zu verstehen, was ich lehrte. Es stand in solch einem Widerspruch zu dem hierarchischen Kirchensystem, in dem ich mich immer noch befand. Das Studium dieses Themas bereitete mir viel Freude. Um die Stunden etwas zu illustrieren, spielte ich auf einem kleinen Kassettenrekorder bestimm- te Interviews ab, die ich an verschiedenen öffentlichen Plätzen der Stadt aufgenommen hatte.

Eines Tages erfuhr ich aus der Zeitung, dass ein Fernsehprogramm mit dem Thema ‚Die Kirche‘ ausgestrahlt werden sollte. Ich nahm die

Sendung auf Video auf, um sie in meinen Stunden zu verwenden. Da- bei entdeckte ich, dass das Thema ebenfalls aus der Sicht der Bibel behandelt wurde. Ich war so beeindruckt von der Übereinstimmung der Aussagen dieses unbekannten Predigers mit meinen Lektionen, dass ich ihm einen Dankesbrief schrieb, worin ich ihn einlud, mich zu be- suchen. Er kam, und ich lernte ihn als evangelikalen Christen schät- zen, der den Herrn Jesus Christus gut kennt. Nach einigen Besuchen lud er mich zu sich nach Hause ein, um den Sonntag mit ihm und sei- ner Familie zu verbringen. Bei diesem Besuch hatte ich die Gelegen- heit, an der Zusammenkunft der Gemeinde, der er angehörte, teilzu- nehmen.

Gott beantwortet Gebet

Ich erkannte in dieser Zusammenkunft das, was in 1.Korinther 11 beschrieben wird und bemerkte, dass Gott mein Gebet erhört und mich zu meinen Brüdern und Schwestern im Herrn geführt hatte und dass es tatsächlich auch in unserer Zeit Christen gibt, die sich als örtliche Gemeinde zum Gedächtnis an den Herrn versammeln und seine Wiederkunft erwarten: „Denn so oft ihr dieses Brot esst und diesen Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“ (1.Korinther 11,26).

Kurze Zeit später schrieb ich meinen Vorgesetzten in Montreal und teilte ihnen mit, dass ich meine Glaubensfamilie gefunden hatte. Ich bat um Entbindung von allen Gelübden, die ich vor der römisch-ka- tholischen Kirche abgelegt hatte, da ich mich nicht länger als Mitglied dieser Kirche sah. Mein Leben gehörte nun dem Herrn und meine Zu- kunft stand unter seiner Führung.

Neues Leben im Herrn

Auf diese Weise hat der Herr mich befreit, nicht nur von meinen Sünden und der ewigen Verdammnis, sondern auch von jedem mensch- lichen System, welches Lasten auferlegt und unterdrückt. „So gibt es nun keine Verdammnis mehr für die, welche in Christus Jesus sind, die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist. Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“ (Römer 8,1–2).

Joseph Tremblay lebte in Kanada. Er sprach fliessend französisch, spanisch und englisch und war in verschiedenen Ländern evangelistisch tätig. Im Jahr 1995 reiste er nach Irland, um das Evangelium zu ver- kündigen, sein Zeugnis zu geben und den Unterschied zwischen dem biblischen Glauben und dem römisch-katholischen Kirche zu erklä- ren. Im Frühjahr 2006 rief ihn der Herr in die himmlische Heimat.